Auf dem Trittbrett durch die Kupferschlucht
Meine Augen brennen vom Rauch, der aus den Kaminen der drei rund 50-jährigen Diesellokomotiven aufsteigt. Das Ende des vierten Tunnels ist in Sicht. Ich klammere mich an eine dünne Eisenstange, die mich davor bewahrt, auf die Geleise zu fallen, denn ich stehe draussen, vorne auf dem Trittbrett der Lok. Ich blinzle in das gleissende Sonnenlicht, das uns auf den letzten Metern im Tunnel bereits entgegenstrahlt. Dann eröffnet sich mir eine Welt, die mir den Atem raubt!
Ein paar Tage zuvor stehe ich auf dem Bahnsteig. Seit gut vier Stunden warte ich auf den Zug, wie schon so einige Male zuvor während meiner Reise durch die Barrancas del Cobre in Mexicos Norden.
Langsam finden sich immer mehr Leute ein. Rund eine Stunde vor Abfahrt des Zuges erreicht uns dann die Nachricht, dieser sei gerammelt voll und könne aus Sicherheitsgründen keine weiteren Passagiere mehr mitnehmen. Ein Raunen geht durch die Menge. «Du wolltest ja ein Abenteuer!», höre ich meine Mama in meinem Kopf sagen und muss innerlich lachen.
Die Tamales-Verkäuferin, die zuvor mit mir geplaudert hat, kommt auf mich zu und redet aufgeregt auf mich ein. Trotz meiner dürftigen Spanischkenntnisse verstehe ich, dass sie Kontakt zu einem Techniker auf dem Zug hat und ich, natürlich nur wenn ich möchte, auf einem der Motorwagen mitfahren kann. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen.
Als der Zug endlich da ist, hilft mir Pedro, der besagte Techniker, auf die Lok. Es ist laut, stickig und unbequem zwischen dem gestapelten Gepäck, aber dennoch ist mir die Reise in der Lok lieber, als drei Tage auf den nächsten Zug warten zu müssen. Der Personentransport durch die Barrancas del Cobre, zu Deutsch Kupferschlucht, ist etwas anders organisiert, als wir es uns als Schweizer vom öffentlichen Verkehr gewohnt sind. So braucht die Planung viel Geduld. Doch jetzt geht es los, der Zug setzt sich in Bewegung!
Es ist schade, dass ich durch die vergitterten Fenster der Lokomotive kaum Bilder knipsen kann. Dabei wollte ich möglichst alles festhalten. Doch zum Glück bemerkt Pedro meine Kamera. «Bessere Bilder kannst du beim Lokführer vorne machen, komm mit», sagt er. Überrascht und glücklich über diese Entwicklung folge ich ihm. Strammen Schrittes marschiert er über das Trittbrett, das aussen an der Lokomotive entlangführt. Ich versuche, es ihm gleich zu tun und halte mich gut fest.
Mit gelber Weste sitzt Alfonso, der Maquinista, in der Führerkabine an den alten Hebeln der Lokomotive. Daneben der Lokführer mit allen möglichen Funkapparaturen vor sich. Aufgeregt wollen sie alles über mich wissen. In gebrochenem Spanisch, mehrheitlich aber mit Händen und Füssen, erzähle ich geduldig meine Geschichte: Fünf Monate Backpacking durch Mexiko, die mindestens 27. Planänderung, meine Erlebnisse in der Kupferschlucht der vergangenen zwei Wochen, die Begegnungen unterwegs…
Es wäre ja nicht abenteuerlich genug, nur in der Lokomotive mitzufahren. Die drei Herren aus der Führerkabine entscheiden kurzerhand, mich ganz nach vorne zu schicken.
Mein Atem stockt, ich zittere am ganzen Körper und weiss noch nicht, ob ich aus Angst oder Freude schreien soll. Ich entscheide mich dagegen und lache einfach lauthals los, als ich vorne auf der Lokomotive stehe, nur noch knapp einen halben Meter über dem Gleis. Ob sich Rose auf der Titanic in etwa so gefühlt hat, als sie am Bug des Schiffes die Arme ausbreitete?
Felswände fliegen an mir vorbei, wir brettern über Brücken und fahren an Abhängen entlang. Die Strecke wird von Wäldern und Wiesen gesäumt und immer wieder brausen wir durch Tunnel – teils kürzere, teils längere. Mit zittrigen Händen versuche ich die Eindrücke mit der Kamera einzufangen, aber bereits in dem Moment ist mir klar, dass sich dieses einmalige Gefühl niemals in einem Bild konservieren lässt.
Ich entdecke eine der bekanntesten Brücken der Strecke, sehe weitere Tunnel vor mir, andere Gleise über und links unter mir und Pedro grinst einfach nur, während ich mich an der dünnen Eisenstange festklammere und versuche, meinen Mund wieder zuzuklappen. Naiv, gefährlich, verrückt, verboten oder einfach ein einmaliges Erlebnis? Vermutlich alles zusammen.
Es fühlt sich ein bisschen an wie Fliegen. Das Gefühl ist unbeschreiblich: Ich fliege gerade auf dem Trittbrett einer uraltenDiesellok mitten durch einen der beeindruckendsten Teile der Barrancas del Cobre im mexikanischen Norden!
Vor der nächsten Station müssen wir wieder rein in die Führerkabine. Mit wackligen Knien wanke ich zu einem der drei Stühle – Alfonso lacht und schüttelt den Kopf. Vermutlich habe ich riesige, funkelnde Augen, als ich zurück in die Lokomotive klettere.
Und Morgen? Morgen bin ich mit Alfonso, dem Maquinista der Lok FXE 2023 aus den 1980er-Jahren, in Los Mochis, dem südlichen Ende der Bahnstrecke des Ferrocarril Chihuahua Pacífico, zum Mittagessen verabredet. Ich freue mich!
Von: | Corinne Lenherr [[email protected]] |
Gesendet: | So 28. Januar 2023 06:39 |
An: | Redaktion [[email protected]] |
Betreff: | Mexiko |
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